Der Lusttöter

Der Fuchs und das Jägerlatein

Von Dag Frommhold

Kaum ein Tier wird hierzulande so erbarmungslos verfolgt wie der Fuchs. Mehr als 500.000 dieser ebenso schönen wie intelligenten Wildtiere müssen jedes Jahr durch jägerische Flinten und Fallen ihr Leben lassen; ein Großteil davon als Welpen am elterlichen Bau.

Viele Jäger können ihren Hass dabei kaum verbergen, wenn sie von »dem Fuchs« im Kollektivsingular feindbildbezogener Termini reden - als »Niederwildschädling«, »Wilderer« und »Krankheitsüberträger« diffamiert, wird ihm in Deutschland nicht einmal eine Schonzeit zugestanden. Als Berlin 1995 wagte, wenigstens erwachsene Füchse neun Monate im Jahr unter Schutz zu stellen, kam es in den Jagdmedien zu Proteststürmen. Nein, viel lieber schreibt man Fuchsjagd-Wettbewerbe aus, fordert hohe Abschussprämien und zeichnet die erfolgreichsten Fuchskiller mit Preisen, Urkunden und Anstecknadeln aus.

Die Argumente, die die Jägerschaft zur Rechtfertigung ihrer rücksichtslosen Hatz auf Meister Reineke anführt, sind dabei vollkommen hanebüchen - und werden auch dadurch nicht glaubwürdiger, dass die großen deutschen Jagdzeitschriften sie mit gebetsmühlenhafter Regelmäßigkeit wiederholen. Auf besondere Tradition kann in diesem Zusammenhang vor allem die These zurückblicken, der Fuchs müsse als Hauptüberträger der Tollwut intensiv »bejagt« werden, um der Ausbreitung dieser Seuche Einhalt zu gebieten.

Grausame Tollwutbekämpfung

Bereits ein kurzer Rückblick auf die jahrzehntelange Geschichte gewaltsamer Tollwutbekämpfung, von Landwirtschaftsminister Ertl im Jahre 1970 mit der Anordnung des »Gastodes aller erreichbaren Füchse« initiiert, sollte dabei genügen, um selbst dem begriffsstutzigsten Fürsprecher der Fuchsjagd die Sinnlosigkeit derartiger Aktionen vor Augen zu führen. Trotz einer beispiellosen Vernichtungsschlacht war damals kein nennenswerter Einfluss auf die Tollwutausbreitung festzustellen; ebenso blieb die angestrebte Dezimierung der Füchse aus.
In der Schweizerischen Tollwutzentrale wurde schließlich konstatiert, Fuchsjagd sei kein adäquates Mittel zur Tollwutbekämpfung, da die großflächige Dezimierung dieser Tiere nicht möglich sei.
Werden Füchse nämlich nicht bejagt, so leben sie in stabilen Familiengemeinschaften von bis zu zehn Tieren zusammen, in denen nur die älteste Füchsin Kinder zur Welt bringt. Greift jedoch der Mensch mit Flinte und Falle nachhaltig in die Fuchspopulation ein, so brechen diese stabilen Strukturen durch die ständige Umschichtung der sozialen Verhältnisse auf. »Die Füchse haben kaum feste Reviere und keine feste Paarbindungen«, so der als Fuchsexperte geltende Biologe Dr. Erik Zimen. »Jede läufige Fähe findet ihren eher zufälligen Partner, der, einmal erfolgreich, gleich weiterzieht um bei der nächsten sein Glück zu versuchen.«

Hinzu kommt noch, dass bei starkem Jagddruck auch die durchschnittliche Welpenzahl pro Wurf weitaus höher ausfällt als in fuchsjagdfreien Gebieten. Während beispielsweise die hohen Vermehrungsraten bei nordamerikanischen Füchsen in den 70er Jahren auf den hohen Pelzpreis und demensprechend intensive Fuchsjagd zurückgeführt werden können, hat der geringfügig schwächere Jagddruck in Mitteleuropa zur Folge, dass sich zwar alle Füchsinnen fortpflanzen, die Wurfgröße jedoch geringer ist. In traditionell fuchsjagdfreien Gebieten wie jenem um die englische Stadt Oxford ist die Fortpflanzungsrate noch deutlich niedriger - hier bekommen nämlich wesentlich weniger Fuchsfähen überhaupt Kinder.
Infolge dieses Phänomens - von Zimen treffend als »Geburtenbeschränkung statt Massenelend« beschrieben - ist »Fuchskontrolle« also weder notwendig noch - was die meisten Reviere angeht - überhaupt möglich. Damit ist die Tollwutbekämpfung durch Fuchsjagd ad absurdum geführt - und mehr noch: Fuchsverfolgung forciert die Tollwutausbreitung sogar. Da bei starker Bejagung mehr Jungfüchse zur Welt kommen, gerade diese jedoch im Herbst auf ihrer Reviersuche lange Wanderungen zurücklegen, steigt in einer stark bejagten Fuchspopulation die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Tollwut signifikant an. Hinzu kommt, dass der durch die Jagd verursachte soziale Stress zu einer größeren Zahl aggressiver Auseinandersetzungen zwischen Füchsen führt und die Ansteckungsgefahr somit ebenfalls erhöht. Als man dagegen bei Grafenau im Bayerischen Wald die Fuchsjagd aussetzte, um die Folgen zu studieren, stieß man auf ein wenig jagdfreundliches Resultat - die tollwütigen Tiere rotteten sich binnen drei Jahren selbst aus und wurden von gesunden Eindringlingen ersetzt.

Inzwischen begegnet man übrigens nicht nur der Tollwut, sondern auch dem Fuchsbandwurm auf ebenso tierfreundliche wie erfolgreiche Weise mit Impf- beziehungsweise Entwurmungsködern, deren Auslegen gemäß jüngsten Kosten-Nutzen-Analysen auch bemerkenswerte ökonomische Vorteile gegenüber der gewaltsamen Tollwutbekämpfung besitzt. Selbst der laut Aussage von Jägern so effektive Jungfuchsabschuss am Bau wurde im Résumée einer Pilotstudie, die in den Jahren 1994 und 1995 in der Schweiz durchgeführt wurde, als Maßnahme mit »großem Aufwand, aber wenig Effekt« abgelehnt. Trotz dieser eindeutigen Beweislagen nutzen Jäger die Panikmache vor Tollwut und Fuchsbandwurm aber nach wie vor um Stimmung gegen den Fuchs zu machen.

Reineke als Jägerkonkurrent

Das andere Hauptargument der Jäger für die Fuchsjagd lässt die wahren Motive zur intensiven Bekämpfung von Meister Reineke dagegen bereits durchschimmern: Füchse sind die größten verbliebenen Jagdkonkurrenten im Revier und reißen möglicherweise auch einmal einen der Hasen oder Fasane, die der eifrige Waidmann lieber selbst getötet hätte. Gemäß Jagdverbandssprecher Spittler ist rigorose Fuchsverfolgung dementsprechend »notwendig, um eine optimale Hasen- und Fasanenstrecke zu erzielen«, und der begeisterte Trophäenjäger Heribert Kalchreuter rechnete vor, dass man beim Fehlen natürlicher Prädatoren wie Fuchs und Habicht ungleich mehr Hasen »abschöpfen« kann als unter normalen Umständen. In Anbetracht derartiger Aussagen konstatiert der bekannte Verhaltensforscher Vitus B. Dröscher ganz richtig: »Viele Jäger betrachten Reineke als Wilderer, der tunlichst zu erschießen, zu vergasen, mit Hunden zu hetzen und totzuprügeln ist.«

Allein die Tatsache, dass unzählige Füchse und Marder einen grausamen Tod sterben müssen, damit im Herbst mehr Feldhasen auf der Strecke liegen, ist abstoßend – doch damit nicht genug: Die größtenteils hausgemachte Misere vieler so genannter Niederwildarten wird von Jägern immer wieder dazu genutzt, Stimmung gegen Beutegreifer zu machen. Kurzerhand behauptet man, ohne die scharfe Bejagung der Beutegreifer würden diese Hase, Reb- und Birkhuhn ausrotten. Jagende Gutachter wie Dr. Heribert Kalchreuter, der sich in Interviews wiederholt als »Jagd-Missionar« bezeichnete, gehen dabei so weit, Kopfprämien für Füchse zu fordern - als Kompensation für sinkende Pelzpreise.

Wissenschaftler, deren Glaubwürdigkeit nicht durch den Besitz eines Jagdscheins relativiert wird, sind sich jedoch darin einig, dass es nur einen einzigen Weg gibt, um gefährdeten Tierarten zu helfen: Die Rücknahme der Gefährdungsursache selbst. Der Einfluss von Beutegreifern dagegen verändert die Populationsdichte von Hase, Reb- und Birkhuhn nicht entscheidend und ist allenfalls »in Konkurrenz zur jagdlichen Nutzung relevant«, wie die Biologen Döring und Helfrich konstatierten. In ganz Europa sind die Anteile beispielsweise von Hasenresten in Fuchslosungen verschwindend gering - selbst dort, wo Hasen noch in großer Zahl vorhanden sind -, und Untersuchungen zeigten, dass Füchse insbesondere dann beispielsweise Entenvögel reißen, wenn diese durch die Jagd angeschossen oder geschwächt sind. Die realen Gründe für den Bestandsrückgang vieler so genannter »Niederwildarten« sind also keineswegs bei deren »natürlichen Feinden« zu suchen, sondern vielmehr im anthropogenen Bereich.

Tod durch Flurbereinigung und Einheitsgrün

So fallen nach Hochrechnungen des führenden deutschen Hasenexperten Dr. Eberhard Schneider jährlich maximal 5% der Hasen Beutegreifern zum Opfer, während der Rest in variierenden Anteilen durch Landwirtschaft, Straßenverkehr, Krankheiten, Jäger und - last but not least - Hunger infolge des stickstoffgeschwängerten Einheitsgrüns unserer Landschaft zu Tode kommt. Außerdem überschätzt die Jägerschaft nach Untersuchungen des Biologen Pegel die Bestandszahlen des Feldhasen systematisch um das Zwei- bis Vierfache und schießt aus diesem Grund wesentlich mehr, als der Bestand verkraften kann.

Beim Rebhuhn werden als Gefährdungsursachen Flurbereinigung und die Anwendung toxischer Spritzmittel angeführt, wohingegen am Rückgang des Birkhuhns gemäß den Untersuchungen des Ornitho-Ökologen Prof. Reichholf auch die jagdliche Streckenmaximierung nicht unschuldig ist. Es ist nämlich gang und gäbe im Herbst eigens zu Jagdzwecken gezüchtete Fasane auszusetzen. Da diese jedoch dieselbe ökologische Nische beanspruchen wie das Birkhuhn, treten die beiden Arten in heftige Konkurrenz miteinander - weshalb nach Reichholf eine Verdrängung des Birkhuhns durch den Fasan sehr wahrscheinlich ist.

Einen stichhaltigen ökologischen Grund für die Verfolgung des Fuchses gibt es schlichtweg nicht. Vielmehr nehmen sich die krampfhaften Versuche von Jagdmedien und -funktionären, die Fuchsjagd als einen Akt ökologischer Notwendigkeit darzustellen, eher als Verschleierungstaktik aus, mit der von realen Motiven zur Fuchsjagd - Beuteneid und Jagdlust - abgelenkt werden soll.

Wirft man jedoch einen eingehenderen Blick in die prosaischen Ergüsse schreibender Jäger, die in den gängigen Jagdzeitschriften nach wie vor publiziert werden, so wird man nichtsdestoweniger rasch feststellen, worum es den Grünröcken wirklich geht. Wer das winterliche Nachstellen und Töten eines liebestollen Fuchspärchens zum unglaublich erregenden, nur mit sexuellen Handlungen zu vergleichenden Ereignis emporstilisiert, ist nach heute gültigen Maßstäben nur in psychopathologischen Kategorien angemessen zu bewerten.

Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich bei jedem in einer angeblich »sofort tötenden« Falle langsam zu Tode gequetschten, bei jedem im fahlen Mondlicht angeschossenen, bei jedem blutüberströmt vom Jagdhund aus dem vermeintlich sicheren Bau »gesprengten« - und auch bei jedem »sauber gestreckten« - Fuchs um ein fühlendes, denkendes Individuum mit einem Recht auf Leben handelt!

In Anbetracht dessen macht es Mut, dass andernorts bereits Konsequenzen aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und moralischem Fortschritt gezogen werden. In den Niederlanden sind Füchse beispielsweise seit 2002 unter Schutz gestellt, dürfen also nicht mehr gejagt werden. In vielen Nationalparks herrscht ebenfalls ein ganzjähriges Fuchsjagdverbot und so mancher Förster fordert mittlerweile, Füchse und andere Prädatoren zu schonen - aus gutem Grund: Sie halten die Bestände ihrer Beutetiere widerstandsfähig, indem sie stets zuerst schwache und kranke Tiere reißen und auf diese Weise Seuchenherde frühzeitig eliminieren. Außerdem sind Füchse als eifrige Mäusevertilger ausgesprochene Forst»nützlinge«.


Fuchsjagd: Ökologischer Nonsens

Beutegreifer zu bejagen ist aus ökologischer Sicht so ziemlich das Unsinnigste, was die grünberockten Naturnutzer tun können; aus ethischer Sicht ist es verurteilenswert und anachronistisch.

Es wird Zeit, dass wir uns als mündige Bürger endlich gegen all diejenigen wehren, die jeden vor den Augen seiner entsetzten Eltern vom »raubzeugscharfen« Jagdhund zerfleischten Jungfuchs zum Anlass nehmen, sich als Diener an Volksgesundheit und Artenvielfalt zu fühlen.
Es ist ein gefährlicher und ethisch indiskutabler Zustand, dass die letzten größeren Beutegreifer Mitteleuropas der Willkür einer Bevölkerungsgruppe unterstellt sind, die in ihnen nichts als lästige Beutekonkurrenten sehen und ihnen demensprechend permanent nach dem Leben trachten. Die vollständige Unterschutzstellung aller einheimischen Prädatoren, allen voran die des seit Jahrzehnten beispiellos verfolgten Fuchses, ist längst überfällig.

Davon könnten auch wir Menschen profitieren: Wo Füchse ihre zweibeinigen Mitgeschöpfe nicht fürchten müssen, beispielsweise auf der nördlichen japanischen Hauptinsel Hokkaido, in Israel oder dem kanadischen Prince-Albert-Nationalpark, sind die hierzulande so scheuen Rotröcke überaus zutraulich und lassen sich problemlos über Stunden in ihrem bezaubernden Sozialverhalten beobachten.

Weitere Informationen unter www.fuechse.info